Serie mit Hansfried Heinrichs: Vom Nationalspieler zum Bundestrainer

Die Nationalmannschaft der Männer 1984/85: Es sind die letzten Jahre von Hansfried Heinrichs (links) als Bundestrainer.
Verfasst am 11. Juni 2021
Allgemein

Darmstadt (DFBL/ssp). Deutscher Meister, Europameister 1965, Faustball-Weltmeister 1968 als Spieler, jeweils drei Mal Welt- und Europameister sowie einmal World Games-Sieger als Bundestrainer: Über 20 Jahre bestimmt Hansfried Heinrichs das Faustballgeschehen mit, gewinnt in seiner Karriere alles, was es zu dieser Zeit zu gewinnen gibt. Sönke Spille hat ihn 2020 besucht – 60 Jahre nach seinem ersten Länderspiel und dem Beginn seiner Karriere im internationalen Faustball. Nach seinen Anfängen als Spieler und den Erfolgen mit der Nationalmannschaft folgt nun Teil 3: Vom Nationalspieler zum Bundestrainer.

Der Wind frischt ein wenig auf. Ich sitze noch immer mit Hansfried Heinrichs auf seiner Terrasse in Darmstadt-Eberstadt. Ich greife nach meiner Jacke und ziehe sie über. Es ist etwas kühl geworden im Schatten. Gehen möchte ich aber noch nicht. Schließlich hat Hansfried Heinrichs noch mehr zu erzählen. Mit dem Jahr 1972, in dem wir uns gerade befinden, endet seine Faustball-Geschichte noch nicht. Es ist nur das Ende eines Kapitels, ein neues beginnt.

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Nachdem Hansfried Heinrichs den Sprung in den Kader für die Heim-WM 1972 in Schweinfurt verpasst hat, scheint seine Zeit in der Deutsche Faustball-Nationalmannschaft zu Ende zu sein. Doch als Deutschland am 9. Juni 1974 in Lindau zu einem Testländerspiel gegen die Schweiz antritt, ist Hansfried Heinrichs zurück. Nicht etwa als Spieler, sondern als Trainer. „Es wurde damals nach einem Nachfolger von Heinz Wunnenberg gesucht. Ich wurde von Walter Guttenberger angesprochen, ob ich mir das vorstellen könnte“, erinnert sich Heinrichs, der nur kurz überlegen muss, ehe er zusagt. „So einfach ging das – es war absolut unspektakulär.“ Der Pfungstädter Faustballer scheint dabei eine ideale Besetzung zu sein. Er ist Sportlehrer, war schon als Spielertrainer im Handball tätig und hat auch Jugendmannschaften betreut. Dazu ist er in vielen Sportarten aktiv, kennt sich aus. „Ich war mir sicher, dass es in der Faustballfamilie sehr viel Spaß machen wird“, erzählt Heinrichs. Der 47:33-Sieg gegen die Eidgenossen ist dabei ein erfolgreicher Einstand für ihn, viele weitere Erfolge sollen in den kommenden Jahren noch folgen.

Die erste WM in Brasilien

Bereits bei seinem ersten internationalen Turnier, der Europameisterschaft 1974 in Linz, holt er den Titel, zwei Jahre später findet die Weltmeisterschaft im brasilianischen Novo Hamburgo – die dritte WM wird somit die erste außerhalb von Europa sein. „Zu Beginn meiner Amtszeit habe ich den Fokus bei den Lehrgängen noch auf das reine Faustballspielen gelegt“, erzählt Hansfried Heinrichs. „Ich war zunächst ja noch selbst als Spieler aktiv, kannte zwar die Spieler aus dem Süden. Im Norden habe ich dagegen kaum etwas gesehen und hatte kaum einen Überblick“, sagt er. „Es hieß zwar Bundestrainer, aber verdient hat man nichts. Später bekam man dann immerhin eine Aufwandsentschädigung und es wurde einem zugestanden, auch einmal zu Bundesligaspieltagen zu fahren.“ Heinrichs ist aber optimistisch, dass er eine schlagkräftige Mannschaft für die Reise nach Brasilien findet. Und auch die Rahmenbedingungen stimmen. „Wir wurden damals das erste Mal von Puma ausgerüstet und haben Anzug, Trikot und Schuhe bekommen“, verrät der damalige Bundestrainer.

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Sogar einen Tennisschläger erhält Bundestrainer Heinrichs vom Ausrüster. „Boris Becker hat zu Beginn seiner Karriere mit Puma angefangen“, erzählt Heinrichs, der zu dieser Zeit bereits aktiv spielt. „Als wir von Puma auf einem Fest in Herzogenaurach eingeladen waren, habe ich mich erkundigt, ob ich mir einmal einen Schläger anschauen kann.“ Mehr noch: Er darf ihn behalten. „Das besondere an dem Schläger war, dass man den Griff an einer Schraube verlängern und kürzen konnte“, verrät er. Im Doppel habe er den Griff ganz kurz gestellt, um am Netz schnell reagieren zu kören. „Bereits ein wenig Verstellen hat das Gewicht des Schlägers reduziert und somit unheimlich viel gebracht.“ Noch heute ist er beim Tennis sportlich aktiv. „Ich spiele mit den Männern 70 in der zweithöchsten Klasse“, sagt der Darmstädter. Während Tennis zu Heinrichs Zeit als Bundestrainer in aller Munde ist, erfährt er am eigenen Leib, welchen Stellenwert der Faustball in der deutschen Sportwelt hat.

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Bei einem Vorbereitungslehrgang auf die WM 1976 in der Sportschule des badischen Fußballverbandes in Durlach will er am letzten Tag das Aufgebot für Brasilien bekanntgeben – auf Vorschlag des damaligen Bundesfachwarts Werner Morstadt bei einer Pressekonferenz. „Ich dachte ,Mensch super, sowas habe ich noch nie gemacht – du bist höchstens mal interviewt worden, wenn du in Österreich warst‘“, erzählt Heinrichs. Alles ist vorbereitet, Heinrichs und die weiteren Verantwortlichen sitzen im Raum für die Pressekonferenz und warten. Zehn Minuten, 20 Minuten. Doch sie bleiben die einzigen im Raum. „Irgendwann haben auch wir realisiert, dass niemand kommen wird“, sagt Heinrichs. „Das war meine erste Pressekonferenz. Ernüchternd.“ Presse hin oder her – den dritten WM-Titel gewinnt Deutschland am 10. Oktober mit einem 26:23-Finalerfolg gegen Brasilien.

Eine schwere Entscheidung

Der Kader der Faustball-Weltmeisterschaft 1979 in St. Gallen mit Bundestrainer Hansfried Heinrichs (5. von links) (Foto: privat)

1979 in St. Gallen (Schweiz) folgt dann der nächste deutsche WM-Triumph. Doch die Nominierung damals bereitet Heinrichs Kopfzerbrechen. Der Grund? Dieter Thomas. Sein Nachfolger im Pfungstädter Angriff soll eigentlich eine wichtige Rolle bei der WM spielen, fällt in der Vorbereitung aber verletzungsbedingt aus. „Er fing langsam wieder an zu trainieren, war auch beim Lehrgang. Aber man wusste nicht so wirklich, wie er mit der Belastung klarkommt. Schließlich war er auch bei keinem Spiel im Vorfeld im Einsatz gewesen, hatte Trainingsrückstand.“ Mit Blick auf die Leistung der Jahre zuvor habe er Thomas eigentlich nominieren müssen. „Aber es war durchaus gerechtfertigt, aus den bekannten Gründen auf ihn zu verzichten“, berichtet der damalige Trainer. „Ich habe lange mit mir gerungen, mich ein wenig davon beeinflussen lassen, wie die Öffentlichkeit reagiert, wenn ich ihn unter diesen Voraussetzungen nominiere – meinen eigenen Vereinskameraden.“ Im Endspiel, als Gegner Österreich drauf und dran ist, die deutschen vom Weltmeister-Thron zu stoßen, fehlt ihm Dieter Thomas als Alternative. „Wir haben Fehler um Fehler gemacht, aber ich konnte Dieter nicht bringen. Am Ende hatten wir Glück, dass den Österreichern mehr Fehler unterlaufen sind als uns.“

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Wie ist es wohl, wenn man aus den besten Spielern eines Landes eine Mannschaft aus damals gerade einmal acht Spielern formen muss? „Das war wirklich schwierig“, gesteht Hansfried Heinrichs. „Man hatte so viele Spieler, aus denen man wählen konnte. Und auch wenn es immer mal wieder eng gegen Österreich wurde – zu dieser Zeit hatte man den Eindruck, dass man die neuen Weltmeister nominiert hat.“ Insbesondere die Nord-Liga bekommt der Darmstädter kaum zu Gesicht. „Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich Anfang der 1980-er Jahre einmal nach Hannover zu einem Spieltag in den Norden gefahren bin. Hier habe ich Udo Cymera von Bayer Leverkusen gesehen, der eine gute Leistung gebracht hat und so in mein Blickfeld gekommen ist. Hätte er dort nicht auf sich aufmerksam gemacht, wäre er womöglich gar nicht zum Lehrgang eingeladen worden.“

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Bei der Heim-WM 1982 in Hannover gehört der Leverkusener zum Aufgebot der deutschen Mannschaft. „Einen besonderen Druck hatten wir bei der Heim-WM nicht, da war bei jeder Meisterschaft als Favorit angetreten sind“, sagt der damalige deutsche Trainer Hansfried Heinrichs. Und insbesondere in Hannover lässt der Titelverteidiger keine Spannung aufkommen Ohne Niederlage marschiert Deutschland ins Finale und schlägt hier Brasilien souverän mit 35:28. Und auch bei den weiteren Veranstaltungen räumt das Team von Hansfried Heinrichs ab. Bei den Europameisterschaften 1978 (Offenburg) und 1981 (Perg) gewinnt die Mannschaft mit dem Bundesadler auf der Brust den Titel. Auch als Faustball 1985 erstmals bei den World Games in London vertreten ist heißt der Sieger Deutschland. Einzig bei der EM 1984 in Binningen (Schweiz) muss man sich im Finale gegen Österreich geschlagen geben.

Bei Hansfried Heinrichs reift in dieser Zeit der Entschluss, nach über einem Jahrzehnt als deutscher Nationaltrainer, Platz zu machen. Seine letzte Veranstaltung soll die Weltmeisterschaft 1986 im argentinischen Buenos Aires werden. Was er zu diesem Zeitpunkt noch nicht weiß: Das Endspiel dieser WM wird das zu diesem Zeitpunkt spannendste Finale der Geschichte werden. Mehr dazu in Teil 4.

 

Das deutsche Aufgebot 1984/85 (Titelbild):
h.R.v.l.: Hansfried Heinrichs (Bundestrainer), Udo Mehle (TSV Bayer 04 Leverkusen), Dieter Reimann (DJK Windischeschenbach), Dieter Thomas (TSV Pfungstadt), Frank Iding (TV Bocholt), Ulrich Richter (SV Wacker Burghausen), Torsten Büsselmann (Ahlhorner SV), Ulrich Kill (Bundesfachwart)
v.R.v.l.: Stefan Lebert (TuS RW Koblenz), Friedhard Oltmann (Ahlhorner SV), Otto Bieske (Masseur), Peter Linsenbolz (TV Oberweier), Udo Cymera (TSV Bayer 04 Leverkusen); Nicht im Bild: Ronald Müller (TSV Pfungstadt)

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