Serie mit Hansfried Heinrichs: Mit dem Nationalteam zum ersten EM- und WM-Titel

Vor dem WM-Finale 1968: Die Nationalspieler aus Österreich und Deutschland mit Hansfried Heinrichs (im weißen Trikot links) (Foto: Archiv/IFA)
Verfasst am 14. März 2021
Allgemein

Darmstadt (DFBL/ssp). Deutscher Meister, Europameister 1965, Faustball-Weltmeister 1968 als Spieler, jeweils drei Mal Welt- und Europameister sowie einmal World Games-Sieger als Bundestrainer: Über 20 Jahre bestimmt Hansfried Heinrichs das Faustballgeschehen mit, gewinnt in seiner Karriere alles, was es zu dieser Zeit zu gewinnen gibt. Sönke Spille hat ihn 2020 besucht – 60 Jahre nach seinem ersten Länderspiel und dem Beginn seiner Karriere im internationalen Faustball. Heute, Teil 2: Als Nationalspieler zu großen Erfolgen.

Die Blätter der Bäume neben uns rascheln im Wind, hin und wieder hört man aus der Entfernung eine Straßenbahn am Haus vorbeifahren. Ich sitze im Garten von Hansfried Heinrichs, greife nach dem Glas mit Wasser, das vor mir auf dem Tisch steht, trinke einen Schluck. Meine Augen sind aber auf den Heinrichs gerichtet… Mit seinen Erzählungen hat er mich in meinen Gedanken tief in die 1960-er Jahre gezogen. Er berichtet von seinen Erfolgen mit dem TSV Pfungstadt, den vielen Turnieren, zu denen er mit seinem Team angetreten ist, über die Europapokale und Südamerika-Reisen. Und er erzählt, wie er den Sprung in die Nationalmannschaft geschafft hat.

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Als Hansfried Heinrichs 1965 seine erste Saison beim TSV Pfungstadt spielt, hat die Deutsche Nationalmannschaft der Männer bereits zahlreiche Länderspiele bestritten. Eine Europameisterschaft, wie sie Ende August in Linz stattfinden soll, hat es zu diesem Zeitpunkt aber noch nicht gegeben. „In der Bundesliga hatte man nur drei, vier Spieltage auf dem Weg zur Meisterschaft. Das wichtigere waren die Turniere“, sagt Hansfried Heinrichs. „Ich nehme an, dass die Ergebnisse aus allem die Grundlage für Einladungen zu Lehrgängen waren, die zu diesem Zeitpunkt noch sehr selten waren.“ Dass der junge Pfungstädter Angreifer 1965 überhaupt den Sprung ins Nationalteam schafft, bezeichnet er noch heute als Zufall. „Die Schlagmannqualität war damals sehr breit, es gab eine unheimlich große Konkurrenz. Bei den Deutschen Meisterschaften waren immer fünf, sechs Mannschaften Favoriten.“ Sein Vorteil zu den Konkurrenten? „Ich war Student, alle anderen Kandidaten, die hätten spielen können, waren berufstätig, haben keinen Urlaub bekommen oder haben es nicht so ernst genommen, weil es ja die erste richtige internationale Veranstaltung war“, erzählt Heinrichs. Er ist trotzdem überrascht, als er von seiner Berufung in den EM-Kader erfährt. „Ich wurde gefragt, ob ich Zeit hätte. Da habe ich natürlich zugesagt.“ Für die „Nominierung“ ist nur noch eine Bedingung: „Mein Auftrag war es, mir ein weißes Trikot zu besorgen das ich zur EM mitbringe. Die Adler wurden dann vor den ersten Spielen aufgenäht.“

„Die Europameisterschaft war unheimlich spannend“, erinnert sich Hansfried Heinrichs, der mit Trainer Albert Bank aus Frankfurt die Reise nach Oberösterreich antritt. Nach einer Auftaktniederlage gegen die DDR (26:30) eilt das deutsche Team im Anschluss von Sieg zu Sieg. Auch Österreich und Italien nehmen teil, alle Teams spielen in Hin- und Rückspiel Jeder-gegen-Jeden. Deutschland setzt sich am Ende mit 10:2 Punkten gegen die Konkurrenz durch und wird erster Europameister. Heinrichs kommt dabei in den beiden Begegnungen mit Italien zum Zug. In den anderen setzt Trainer Bank auf Georg Muhlert, der mit Niko Kamarenkow seinen eigenen Mittelmann zur Seite hat, und den Linkshänder Wolfgang Nohr aus Hamburg. Heinrichs: „Wir hatten immer wieder gute Linkshänder dabei. Nur 1968 nicht – zum Glück.“

In eben diesem Jahr findet – wieder in Linz – die erste Faustball-Weltmeisterschaft statt. Acht Nationen nehmen teil, neben den europäischen Vertretern der BRD, DDR, Österreich, Italien und der Schweiz auch Brasilien, Chile und Kanada. Hansfried Heinrichs hat sich zu diesem Zeitpunkt zur festen Größe im deutschen Team gemausert. „Durch die regelmäßige Bundesliga hatten die Trainer einen Überblick über die Leistung. Vor der Weltmeisterschaft gab es dann einen großen Lehrgang, wo alle Spieler zusammengeholt wurden“, erzählt der Darmstädter. Neben dem WM-Kader wird dabei auch eine Auswahl für eine Namibia-Reise zusammengestellt – aus den Spielern, die knapp am WM-Team scheitern. „Da hat man sich natürlich gefragt, was schöner ist“, gesteht Heinrichs, der am Ende aber glücklich über den Sprung ins WM-Team ist.

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Eine Weltmeisterschaft – die war für mich immer in weiter Ferne. Als Spieler zumindest. Ich frage Hansfried Heinrichs, was ihn als Spieler so stark gemacht hat, was entscheidend war, dass er zu einem der besten deutschen Angreifer geworden ist. „Meine körperlichen Voraussetzungen waren nicht ganz so wie bei meinen Konkurrenten im Schlag. Die waren alle kräftiger und stärker als ich“, gesteht Heinrichs rückblickend. „Diese Defizite konnte ich aber mit meiner Technik und Taktik ausgleichen.“ Bestes Beispiel: Mit einem Freund spielte Heinrichs eine Zeit lang Squash. Auch wenn sein Freund vielleicht flinker auf den Beinen war – gegen den ehemaligen Faustball-Nationalspieler hatte er keine Chance. „Auch da habe ich von meinem taktischen Verständnis profitiert. Mit den vier Wänden kann man so viel machen.“

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Ende Juni 1968: Vor der Weltmeisterschaft trifft sich der Kader noch einmal in Passau, wo einige Trainingsspiele gegen örtliche Teams bestritten werden. „Wir wurden mit Trikots und Trainingsanzügen ausgestattet, mit denen auch die Olympiamannschaften ausgerüstet wurden. Alles bestand noch aus richtiger Schurwolle“, erinnert sich Heinrichs. Waltraud Vaupel betreute das Team rund um die WM als Masseurin. „Das war für uns ganz komisch“, erzählt der damalige Angreifer. „Nach dem Spiel massieren? Was soll das denn, haben wir uns damals gefragt.“

Die Vorfreude ist bei allen Spielern groß, dass sie an der WM-Premiere teilnehmen dürfen. Und: Als amtierender Europameister hat sich das deutsche Team „schon etwas ausgerechnet“ (Heinrichs).  Die Vorrundenspiele bestreiten die deutschen Faustballer in Steyr und Altheim, gewinnen gegen Chile und Kanada souverän. Gegen Österreich setzt es zum Abschluss eine knappe 31:32-Niederlage. „Zunächst haben wir in der Umgebung von Linz gespielt. Es waren ziemlich viele Zuschauer da. Es war ein echtes Volksfest. Da ich in Hessen mit Zuschauern eh nicht verwöhnt war, hat mich das schon ziemlich beeindruckt“, so Heinrichs. Im Halbfinale bekommt es die BRD dann mit der DDR zu tun. „Man wusste aber nicht, wie stark die DDR wirklich ist, da man kaum Kontakt hatte.“ Doch Heinrichs und Co. gewinnen und ziehen ins Endspiel ein.

Hier geht es erneut gegen Österreich. Doch, anders als noch in der Vorrunde, dominiert nun Deutschland. Schlagmann im deutschen Team ist Fritz Pannewig, als Zweitangreifer agiert Hansfried Heinrichs. „Sie haben ihn das eine oder andere Mal angespielt, dadurch hatte ich dann auch mal meine Möglichkeiten, zu punkten“, sagt Heinrichs. Deutschland gewinnt 31:25. „Ich weiß noch, dass ich von einem österreichischen Reporter gefragt wurde, ob ich nicht froh wäre, wenn ich Hinterspieler wie die Österreicher hätte. Ich habe darauf geantwortet: ,Wieso? Ich würde nicht tauschen.‘ Darüber war der Reporter etwas sprachlos. Klar hatten die Österreicher auch gute Abwehrspieler, aber die haben immer eine Schau gemacht. Doch wie gut Udo Berns und Heinz-Peter Schabert gespielt haben, war einfach richtig stark.“

Für ihren Erfolg wird die Mannschaft geehrt. Als erste Faustball-Männer überhaupt wird ihnen das Silberne Lorbeerblatt verliehen. „Dafür wurden wir nach Bonn eingeladen“, erinnert sich Hansfried Heinrichs. „Das war schon ein Höhepunkt, da es für uns Faustballer alles andere als selbstverständlich war.“

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Während seiner aktiven Zeit als Faustballer war Hansfried Heinrichs noch in so manch anderer Sportart aktiv. Das wird mir deutlich, als wir während unseres Gesprächs auf meine Heimat Brettorf kommen. Bei uns im Ort kann man beim TVB ausschließlich Faustball spielen, andere Möglichkeiten gibt es nur in den umliegenden Dörfern. Heinrichs standen in Darmstadt dagegen die Türen offen – und er ist durch so ziemlich jede gegangen, die sich ihm bot. Faustball, Handball, Basketball, Tischtennis, zwischenzeitlich auch Squash, später Tennis. „Ich habe in Mainz studiert, da wollte mich der Trainer vom USC Mainz, die damals in der höchsten Basketball-Liga spielten, als Aufbauspieler haben. Ich musste aber absagen. Schließlich konnte es schon passieren, dass ich drei oder vier Spiele an einem Wochenende hatte“, sagt Hansfried Heinrichs. „Mir hat das alles Spaß gemacht. Meine Kritiker haben es nie verstanden, warum ich mich nicht auf eine Sportart konzentriert habe. Aber sich auf eine Sache konzentrieren und dort dann intensiv zu trainieren und sich zu quälen, lag mir nicht.“ Als es 1972 um den Sprung in den Kader zur Weltmeisterschaft in Schweinfurt geht, wird ihm die Fahrt zu einer anderen Sportart zum Verhängnis.

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Nach einem Europameistertitel, den Hansfried Heinrichs mit dem deutschen Team 1970 in Olten gewinnt, steht 1972 die Weltmeisterschaft in Schweinfurt im Kalender. „Beim Auswahllehrgang für die WM war ich noch dabei“, erzählt Hansfried Heinrichs. „Der Lehrgang war eine ganze Woche lang in Saarbrücken, am Mittwoch hatte ich aber mit meiner Handball-Mannschaft von der Hochschule ein Spiel in Erlangen. Da bin ich damals zwischendurch mit meinem Wagen hingefahren und war somit eineinhalb Tage nicht beim Lehrgang dabei.“ Als der Vollblutsportler am Donnerstag zurück ist, merkt er anhand der Aufstellungen, dass seine Chancen für eine Nominierung wohl nicht mehr allzu groß sind. „Vom Niveau her lagen wir alle dicht zusammen, die Konkurrenz war groß. Daher war es für mich in Ordnung, dass es nicht geklappt hat.“

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Dass Hansfried Heinrichs für den Handball alles stehen und liegen gelassen hat, wird mir auch bei einer weiteren Geschichte deutlich, die er mir erzählt. Schließlich ist es nicht das einzige Mal, dass er für die Handball-Hochschulmeisterschaft durch die Republik reist. Für das Finale in Tübingen unterbricht er seinen Skiurlaub, tritt zum Endspiel gegen Münster an. „Die hatten einige Nationalspieler im Team und waren unheimlich stark. Aber wir haben das Spiel gewonnen. Das war eine große Sensation“, erzählt Heinrichs, der es nach ausgiebiger Feier fast verpasst, in den Skiurlaub zurückzukommen.

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Nachdem Hansfried Heinrichs 1972 den Sprung in den WM-Kader verpasst hat, absolviert er auch danach für die Männer-Nationalmannschaft kein Spiel mehr. In ihren Kreis kehrt er zwei Jahre später dennoch zurück – als Bundestrainer. Wie er Deutschland von Titel zu Titel führte, erzählt er in Teil 3.

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