DDR-Serie: Das einmalige WM-Erlebnis in Vöcklabruck

Bei der Begrüßung: Die DDR-Nationalmannschaft bei der WM-Qualifikation 1990 in Kirchdorf (Foto: Archiv/Horst Tillner)
Verfasst am 12. August 2020
Allgemein

Dresden/Berlin/Vöcklabruck (DFBL/ssp). 30 Jahre ist es im Oktober 2020 her, dass die Bundesrepublik Deutschland und Deutsche Demokratische Republik den Vertrag zu einem vereinten Deutschland unterschrieben haben. Auch die Faustballer aus der ehemaligen DDR und BRD gehören damit seit drei Jahrzehnten wieder zusammen. In einer kleinen Zeitreise blickt die DFBL auf die Wendezeit, die Teilnahme der DDR-Nationalmannschaft an der Männer-WM 1990 sowie den Zusammenschluss der Faustballer aus BRD und DDR zurück. Heute: Teil 4.

17. September 1990: Am frühen Montagmorgen setzt sich der Bus der DDR-Faustballnationalmannschaft in Dresden in Bewegung. Mit an Bord: der gesamte Kader des Männer-Nationalteams, darunter auch der Berliner Schlagmann Thomas Greßner und die Delegationsleitung um Horst Tillner aus Dresden und insgesamt 30 Schlachtenbummler. Ihr Ziel? Österreich und die siebte Faustball-Weltmeisterschaft – für die DDR die erste seit 22 Jahren. „Es war finanziell alles nicht so einfach, vieles hat sich erst kurzfristig ergeben. Aber es hat alles geklappt“, erinnert sich Horst Tillner, Vizepräsident im damaligen Deutschen Faustball-Verband der DDR. Als Mannschaftsleiter führt er, gemeinsam mit Präsident Heinz Frankiewicz, die Delegation an. Erst ein Wochenende zuvor hat sich der achtköpfige Kader im bayerischen Hof auf die WM vorbereitet – auch mit Spielen gegen eine brasilianische Auswahl.

Viele Trainingswochenenden und weitere Einheiten, unter anderem in West-Berlin und Brettorf mit Spielen gegen höherklassige BRD-Teams, dazu Sportleistungs- und Diagnostiktest in Halberstadt, lagen da bereits hinter ihnen. Auch zwei Test-Länderspielen gegen die Schweiz wurden in Winterthur und Kreuzlingen absolviert.

Zur Person
Thomas Greßner kommt fängt als Zehnjähriger mit dem Faustballsport bei Lok „Erich Steinfurth“ Berlin an. Mit seinem Verein nimmt er an dutzenden Meisterschaften der DDR-Nachwuchsklassen und schafft mit der Bezirksauswahlmannschaft drei Titel. Später wechselt er in den Erwachsenenbereich, schafft mit der zweiten Mannschaft seines Heimatvereins den Aufstieg in die Oberliga, die höchste Spielklasse der DDR. Kurz darauf folgt der Wechsel in die erste Mannschaft – und er gewinnt 1989 und 1990 jeweils den DDR-Meistertitel im Feldfaustball.

Im Kampf um ein WM-Ticket mischt auch Angreifer Thomas Greßner mit. Als Zehnjähriger wurde er  bei einer Werbeaktion im Schulsport von Walter Schmidt angesprochen. Für Greßner, der zuvor schon Fußball im Verein gespielt hatte, gibt es von da an nur noch Faustball. Bei der Bekanntgabe des WM-Kaders durch das Trainer-Duo Wolfgang Ehrlich und Klaus Schiller fällt dann auch der Name des jungen Angreifers. Er ist einer von acht Spielern, die mit nach Österreich reisen darf. „Mit der Nominierung ist für einige Athleten ein großer Traum geplatzt“, sagt Thomas Greßner. „Gerade um meine Person wurde diskutiert“, gesteht der Berliner. Schließlich wäre er auch noch für die U23-Junioren spielberechtigt gewesen.

Die Entscheidung der Trainer steht aber. Und so sitzt der Berliner am 17. September mit im Bus Richtung Österreich und fiebert den Titelkämpfen entgegen. „Die Trainer hatten einen Mix aus jungen und erfahrenen Spielern nominiert“, sagt der damals 22-Jährige. Er ist der jüngste Spieler im Kader – deutlich jünger als Spieler wie Volker Bischoff, Volker Kretschmer (beide 34) oder Jochen Bitterlich (38). „Auf sie konnte man nicht verzichten“, erklärt Horst Tillner. Mit Martin Schellschmidt (SG Bademeusel) hat es zudem ein Spieler aus der zweiten DDR-Liga in das Aufgebot geschafft. Ausgestattet werden alle Spieler von der Ballfirma Drohn aus Wolfenbüttel. „Ich hatte mich damals an die Firma gewandt“, erinnert sich Tillner. „Die Männer-Nationalmannschaft wurden mit zwölf Freizeitanzügen, drei Sätzen Trikot und zehn Bällen ausgestattet. Das war schon die höchste Sponsorenleistung.“

Die Qualifikation

Ergebnisse (Zwettl & Kirchdorf)
Vorrunde: DDR – Dänemark 50:8 (24:5)
Vorrunde: DDR – Chile 32:23 (14:13)
Halbfinale: DDR – Italien 35:18 (18:8)
Finale: DDR – Chile 37:19 (15:9)

In Zwettl und Kirchdorf bestreitet die DDR-Nationalmannschaft am 18. und 19. September ihre ersten WM-Spiele. „Es gab zunächst die Qualifikation für die kleineren Nationen, bei der man sich dann für die Vorrunde qualifizieren konnte“, erklärt Horst Tillner. Gegen Dänemark feiert das Team einen perfekten Einstand und gewinnt auch gegen Chile, trotz Schwierigkeiten in der ersten Halbzeit. „Die Spielorte waren hervorragend hergerichtet und viele Fans aus Gesamt-Deutschland haben uns unterstützt“, berichtet Thomas Greßner. „Im Halbfinale haben wir dann die von vielen besser eingeschätzten Italiener geschlagen.“ Und auch im erneuten Aufeinandertreffen mit Chile im Finale ist die DDR-Auswahl nicht zu schlagen. „Wir haben diesen B-Weltmeistertitel schon richtig gefeiert“, sagt Horst Tillner. „Mit diesem Titel hatten wir zwar geliebäugelt, aber nicht unbedingt gerechnet.“ Der Sieg, so ist die Hoffnung, soll Auftrieb geben – auch wenn die älteren Spieler schon mit den ersten Verletzungsproblemen zu kämpfen haben.

Vorrunde

Ergebnisse (Linz & Wien)
DDR – Brasilien 21:29 (12:14)
DDR – Österreich 20:28 (8:15)
DDR – Namibia 39:17 (18:8)

In der Vorrunde trifft die DDR am 20. September im ersten Vorrundenspiel in Linz auf Brasilien – der erste große Gegner bei dieser DM. „Wir haben bereits klar geführt. Mit dem direkten Zuspiel von Jochen Bitterlich konnte Volker Bischoff immer wieder punkten“, erzählt Horst Tillner. Doch schlagartig reißt der Faden, die DDR kommt gegen immer stärker aufspielende Südamerikaner nicht mehr zurecht. „Ich bin verrückt geworden, merkte dass wir etwas verändern müssen. Aber der Präsident hat mich zurechtgewiesen: ,Hier haben die Trainer zu entscheiden und nicht du als Teamleiter‘“. Brasilien gewinnt die Partie, dazu setzt es eine Niederlage gegen Österreich. Mit einem Sieg gegen Namibia sichert sich die DDR den dritten Vorrundenplatz. Dass es für den großen Coup, den Halbfinaleinzug, nicht reichte – dafür hat Horst Tillner eine Vermutung. „Dass ein Ball, nach einem guten Angriffsschlag, wie von Dirk Schachtsiek mal nur im Bereich der Grundlinie abgewehrt wurde, waren unsere Angreifer nicht gewohnt. Um dann hoch und weit vorgespielten Bällen zu folgen, fehlte uns einfach die Grundkondition. Diese konnte man sich in der kurzen Vorbereitungszeit auch nicht erarbeiten. Sich in zwei Monaten auf das Niveau der Top-Nationen zu bringen, das schafft kein Trainer. In keiner Sportart.“

Platzierungsspiele

Ergebnisse (Vöcklabruck)
Vorschlussrunde: DDR – Chile 33:20 (16:8)
Platz 5: DDR – Argentinien 27:23 (12:13)

Der guten Stimmung im Team tun die Vorrunden-Niederlagen aber keinen Abbruch – auch vor dem letzte Stadionumzug nach Vöcklabruck zu den Qualifikations- und Platzierungsspielen. „Der Erfolg aus den ersten Spielen hat uns zusammengeschweißt“, sagt Thomas Greßner. „Zwar waren an dem Tag in Linz, wo es gegen Brasilien und Österreich nicht gereicht hatte, alle betrübt, haben den Blick aber gleich wieder nach vorne gerichtet.“ Im Quali-Spiel behält das Team auch im dritten Aufeinandertreffen mit Chile die Oberhand (33:20) und qualifiziert sich damit für das Spiel um Platz fünf. „Für mich war bemerkenswert, dass auch außerhalb der sportlichen Ebene Freundschaften mit einigen Chilenen entstanden sind, wie durch gemeinsame Busfahrten, in denen wir beispielsweise deutsche Volkslieder gesungen haben.“ Im Duell um Platz fünf geht es gegen Argentinien. „Es war eine hervorragende Kulisse“, erinnert sich Thomas Greßner noch heute gerne zurück.

Der WM-Kader 1990
Angriff: Volker Bischoff (Traktor Bachfeld), Thomas Greßner, Andre Grosser (beide ESV Lok Berlin)
Zuspiel: Jochen Bitterlich (ESV Lok Dresden), Dietmar Kammer (ESV Lok Berlin)
Abwehr: Volker Kretschmer (ESV Lok Dresden), Martin Schellschmidt (SG Bademeusel), Detlef Sorge (ESV Lok Dresden)
Trainerteam: Wolfgang Ehrlich (Zeitz), Klaus Schiller (Suhl); Ärztin: Dr. Weinhold
Mannschaftsleiter: Horst Tillner (Dresden); Delegationsleiter: Prof. Dr. Heinz Frankiewicz

Vor über 7.500 Zuschauern liegt die DDR zur Halbzeit noch mit einem Ball hinten, kann zu Beginn der zweiten Hälfte aber die Führung übernehmen. Sich entscheidend abzusetzen, gelingt dem Team nicht – es bleibt spannend. Am Ende jubelt die Deutsche Demokratische Republik mit einem 27:23-Sieg über den fünften Rang. „Mehr als Platz fünf hatte uns keiner zugetraut und dem sind wir auch gerecht geworden“, meint Horst Tillner. Im Endspiel sehen die DDR-Faustballer dann noch den deutlichen Erfolg der Bundesrepublik gegen Gastgeber Österreich. „Was die BRD-Angreifer um Dirk Schachtsiek und Martin Becker defensiv gezeigt haben, war schon beeindruckend. Dazu die Feinheiten, dass alle fünf Spieler auf höchstem Niveau immer in Bewegung waren. Da konnten wir uns vom damaligen BRD-Trainer Klaus Eggers eine Menge abgucken“, meint Horst Tillner.

Am Tag nach dem Endspiel geht es für die DDR-Faustballer zurück in die Heimat. „Ich habe noch das Fax bei mir liegen, dass der leere Bus ausnahmsweise am Sonntag durch Tschechien nach Österreich fahren darf, um mit uns am Montag zurückzufahren“, sagt Horst Tillner. „Auf dem Rückweg aus Vöcklabruck nach Dresden war die Stimmung nach dem ,rauschenden‘ Abschlussfest leicht getrübt. Wir alle wussten, dass diese Reise einmalig war“, erzählt Thomas Greßner.

Die WM 1990 in Österreich ist die letzte Veranstaltung einer DDR-Nationalmannschaft. Am 3. Oktober 1990 ist die Zeit der Deutschen Demokratischen Republik zu Ende. Zehn Tage zuvor hat Horst Tillner noch das Schreiben eines DDR-Generalsekretärs aus Berlin erhalten, dass er die 48 blauen DDR-Trainingsanzüge zurücksenden soll, die man Anfang des Sommers ausgeteilt hatte. „Das war aber nicht möglich, da bei uns alle Spielerinnen und Spieler ihren Anzug behalten durften“, sagt Horst Tillner. Eine Antwort erhält der Generalsekretär von ihm nicht. Bis heute.

Epilog

Mit dem Einigungsvertrag ging der Deutsche Faustball-Verband in den Deutschen Turner-Bund über. Der WM-Kader traf sich im Dezember 1990 noch zu einem Abschluss-Bankett in Dresden. Für sie war der WM-Auftritt ein einmaliges Erlebnis. Keiner von ihnen wurde später noch einmal in den Kader der Nationalmannschaft berufen.

In den Feld- und Hallenmeisterschaften (1990/91) spielten die Oberliga-Teams der DDR die Bundesligamannschaften für die jeweilige Folgesaison aus. Bei den Männern schaffte der ESV 53 Berlin (ehemals „Erich Steinfurth) mit Thomas Greßner und Andreas Kretschmann die Qualifikation zur 1. Bundesliga Nord. Sie nahmen auch als einziges DDR-Team nach der Wende an einem Europapokal teil. In Jona belegten sie den neunten Platz. Die Frauen spielten bis zur Hallensaison 1992/93 noch in der 1. Bundesliga Ost, danach folgte die Zusammenführung mit der Nord-Staffel.

In der Feldsaison 1991 traten zum ersten Mal Jugend- und Senioren-Teams aus der ehemaligen DDR zu Bundes- oder Deutschen Meisterschaften an. Der Hirschfelder SV (mU14/7.; wU14/10.), Motor Cunewalde (mU16/8.), SV TuR Dresden (mU16/9.), SSV BW Barby (mU18/9.), SV Lok Schleife (wU14/9.; wU18/8.), SV GW Weißwasser (wU16/8.), STV Staaken (wU18/10.) und die SG Chemie Zeitz (Männer 40/10.) mussten in ihren Duellen der westlichen Konkurrenz oftmals den Vortritt lassen. Den ersten Titel einer „DDR-Mannschaft“ im wiedervereinten Deutschland feierte die männliche U16 des SV TU Dresden 1994 in Wardenburg.

Trainer der Meistermannschaft war Horst Tillner. Er war dazu von 1992 bis 1998 Bundestrainer der männlichen U18 und Lehrwart des Technischen Komitees im Deutschen Turnerbund. Auch zahlreiche Veranstaltungen wurden unter seiner Federführung organisiert, darunter die Frauen-Weltmeisterschaft 2014. Noch heute ist er Landesfachwart Faustball in Sachsen (Präsident Sachsenfaustball).

Dagmar Spille zog 1991 nach Brettorf und heiratete. Nachdem sie zunächst weiter für den ESV Schwerin auflief, wechselte sie zum TV Brettorf und war hier als Spielerin und Trainerin aktiv. Ihre beiden Söhne sind heute eng mit dem Faustballsport verbunden. Hauke wurde 2016 U18-Weltmeister und 2019 U21-Europameister.

Andreas Kretschmann trug nach der Wende unter anderem das Trikot vom ESV Berlin, TIB Berlin, PSV Berlin und Stern Kaulsdorf. Mehrfach gelang ihm dabei der Aufstieg in die 1. Bundesliga Nord. Für den SSV Heidenau ist er noch heute als Spieler in der Seniorenklasse aktiv und hat hier mehrere Meistertitel gesammelt.

Auch Thomas Greßner war einige Jahre in der 1. Bundesliga aktiv. Heute ist er als Funktionär der SG Stern Kaulsdorf tätig, leitet als A-Schiedsrichter Spiele in der Bundesliga und bei Deutschen Meisterschaften. Auch im Berliner Landesfachausschuss Faustball engagiert er sich seit vielen Jahren. Aktuell ist er Landesfachwart.

-Ende der Serie-

DDR-Serie auf faustball-liga.de: 30 Jahre nach der Wiedervereinigung blickt die Deutsche Faustball-Liga in einer Serie auf die Wendezeit zurück. Dies ist der vierte und letzte Teil. Bereits erschienene Texte:
In Teil 1 berichtet Dagmar Spille von einer Reise ins Ungewisse im Jahr 1988 nach Brettorf.
Im 2. Teil verrät Horst Tillner, wie im Verband die Weichen für die Nachwendezeit gestellt wurden.
Teil 3 handelt von Andreas Kretschmann und einem besonderen Sieg der U23-Junioren.

Text: Sönke Spille
Interviews mit: Thomas Greßner & Horst Tillner
Fotos: Archiv Horst Tillner & Thomas Greßner

Mit Material aus: „Der Faustball“, Faustball-Information, Festschrift 25 Jahre Sachsenfaustball, „Faustball Sport“

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