DDR-Serie: Bei internationalen Auftritten gehen Träume in Erfüllung

Erster internationaler Auftritt: Die männliche U18 der DDR trat beim Jugend-Nationenpokal in der Schweiz an. (Foto: Archiv/Horst Tillner)
Verfasst am 9. Juli 2020
Allgemein

Dresden/Berlin (DFBL/ssp). 30 Jahre ist es im Oktober 2020 her, dass die Bundesrepublik Deutschland und Deutsche Demokratische Republik den Vertrag zu einem vereinten Deutschland unterschrieben haben. Auch die Faustballer aus der ehemaligen DDR und BRD gehören damit seit drei Jahrzehnten wieder zusammen. In einer kleinen Zeitreise blickt die DFBL auf die Wendezeit, die Teilnahme der DDR-Nationalmannschaft an der Männer-WM 1990 sowie den Zusammenschluss der Faustballer aus BRD und DDR zurück. Heute: Teil 3.

Den Nachwuchs etwas bieten: Dieses Ziel verfolgen die Faustballverantwortlichen in der DDR. Doch das ist gar nicht so einfach. Schließlich kann man bei den Kindern und Jugendlichen nicht mit Auslandsreisen und Länderspielen gegen West-Konkurrenten werben. Es gelingt aber trotzdem: „Im Nachwuchs hatten wir ein festes Raster“, erzählt Horst Tillner. Der Dresdener ist bis zur Wende als Vizepräsident Nachwuchs im Deutschen Faustballverband (DFV) in der DDR tätig. Für die U12 und U14 wird jährlich in den Sommerferien ein 14-tägiges Pionierlager angeboten. Bis zu 40 Mannschaften in jeder Altersklasse spielen hier ihren Jugendpokal aus. „Nur mit so etwas konnte man die Kinder ja locken“, sagt Tillner. Die besten 16- bis 19-Jährigen aus dem Land werden zu einem gemeinsamen Trainingslager in der Sportschule in Rerik zusammengezogen. „Da haben sich alle den Arsch aufgerissen, um dort hinzukommen“, schmunzelt der damalige DFV-Vizepräsident.

Nach der Wende steht für viele von ihnen im Sommer 1990 das bisher größte internationale Highlight bevor: die ersten Faustball-Länderspiele. „Bei den Frauen und der weiblichen Jugend mussten wir in kürzester Zeit handeln“, erinnert sich Horst Tillner. Bereits im Juni – und damit mitten in der Saison der DDR-Faustballer – treten sie zu Länderspielen in Österreich an. Die großen Erfolge bleiben gegen starke Konkurrenz aber aus. Die Frauen kämpfen in Linz nicht nur mit den Gegnerinnen, sondern auch mit der zwei Meter hohen Leine (in der DDR wird zu dieser Zeit bereits auf 1,90 Meter gespielt). Im Duell gegen die BRD verliert die von Walter Wiedemann (Chemie Weißwasser) und Horst Stammann (Lok Schwerin) trainierte Truppe mit 21:34. Gegen Österreich liegt die DDR im Anschluss bis zum 13:11 vorn, dann aber lässt die Kraft nach (22:32). Auch die weibliche U18 schlägt sich in Salzburg achtbar, muss sich aber ebenfalls gegen die Bundesrepublik (20:30) und Österreich (20:27) geschlagen geben.

U23-Junioren trainieren für Nominierung

Etwas mehr Zeit zur Vorbereitung haben die männliche Jugend U18 und die U23-Junioren – schließlich stehen die Nationenpokale erst Anfang September an. Also Zeit genug, schlagkräftige Teams zusammenzustellen. In der U23 macht sich Andreas Kretschmann aus Berlin berechtigte Hoffnungen, es in den Kader zu schaffen. Mit 13 Jahren ist der frühere Fußballer zum Faustballsport gewechselt. Er gehört er in den Jahren zuvor bereits zu den Spielern, die an den Trainingslagern in Rerik teilgenommen haben. „Fast alle Spieler von damals wurden auch zum ersten Auswahllehrgang für den Nationenpokal eingeladen“, erzählt Kretschmann.

Zur Person
Andreas Kretschmann (*1970) beginnt mit 13 Jahren bei Lok „Erich Steinfurth“ Berlin mit dem Faustballsport. In seiner Jugendzeit gewinnt er mit seinem Team einmal Bronze bei der U14-Meisterschaft in der DDR und holt Silber in der U16-Bestenermittlung. In der Altersklasse 19 feiert er zwei Meistertitel der Junioren-Oberliga. Auch beim Bronzegewinn bei der DDR-Meisterschaft der Männer 1987 (Barby) gehört er zum Aufgebot.

Trainer der Junioren ist Wolfgang Appel aus Erfurt, der die Spieler zum ersten Lehrgang an der Sportschule in Kienbaum (Brandenburg) zusammenzieht. „Er musste sich erst einmal einen Überblick verschaffen“, sagt Kretschmann, der die professionellen Bedingungen hervorhebt: „Es wurden sogar Fehleranalysen anhand von Filmmaterial gemacht.“ Kurz darauf geht es mit Athletiktests in Straßfurt (Sachsen-Anhalt) weiter, ehe der Kaderkreis verkleinert wird. „Es gab auch Testspiele gegen den VfK Berlin“, sagt Andreas Kretschmann. Zu Besuch sind die Spieler zudem beim TSV Seußen in Bayern. Neben Trainingseinheiten stehen im Fichtelgebirge Begegnungen gegen eine bayerische Auswahl an. „Die Zeit dort war wirklich toll“, erinnert sich Andreas Kretschmann. Er führt die DDR-Auswahl als Kapitän aufs Spielfeld – seine Nominierung für den Nationenpokal samt Abschlusslehrgang in der Sportschule in Bad Vilbel ist somit keine große Überraschung mehr.

Zu Besuch in Oberwerries: Eine U16-Auswahl der DDR samt Trainer Horst Tillner (2. von rechts) ist zu Gast in Westfalen. (Foto: Archiv/Horst Tillner)

Ebenfalls unterwegs ist Horst Tillner. Auf Einladung des westfälischen Turnerbundes reist er mit einer U16-Mannschaft nach Oberwerries (Nordrhein-Westfalen). „Wir wurden dort als Jugend-Nationalmannschaft angekündigt“, berichtet der Dresdener, der möglichst vielen Nachwuchsfaustballern die Möglichkeit bieten will, als DDR-Spieler im Westen anzutreten. „Dabei war das nur die Anschlussklasse, die Sandkastenspieler.“ Die Reise – samt Freundschaftsspielen in Hamm – ist für sie alle ein großes Erlebnis. Tillner: „Sie haben auch die Stadt kennen gelernt, viel gesehen. Vergessen werden sie das alle nicht.“

Die letzte DDR-Meisterschaft

Doch auch in der Heimat wird weiter Faustball gespielt. Am 14. und 15. Juli geht dabei eine Ära zu Ende. Die 41. DDR-Feldmeisterschaft der Männer und Frauen wird die letzte der Geschichte sein. In Dresden verteidigt Lok „Erich Steinfurth“ Berlin gegen Traktor Bachfeld den Titel aus dem Vorjahr. Bei den Frauen triumphiert mit Rotation Berlin (Sieg gegen Lok Schwerin) zum zweiten Mal in Folge eine Berliner Mannschaft. Im Vorjahr hatte die TSG Oberschönweide die Siegesserie von BSG Chemie Weißwasser mit elf Feld-Meistertiteln in Folge beendet. Damit stehen die letzten DDR-Meister der Geschichte fest. Es schwingt Wehmut mit bei diesen Titelkämpfen – doch der Blick richtet sich nach vorn.

Für Andreas Kretschmann und seine Mitspieler geht es Anfang September zum Junioren-Nationenpokal nach Ludwigshafen. „Wir sind mit einem guten Gefühl dahin gereist“, erinnert sich der Berliner. „Wir hatten die meisten unserer Testspiele gewonnen, wussten aber nicht auf welchem Niveau sich das alles abspielen wird: Neue Gegner, neue Gegend – für uns war alles irgendwie neu…“ Als Ziel hat sich das Team gesetzt, mindestens ein Spiel zu gewinnen. „Eine Medaille mitnehmen, das war unser Traum“, sagt Kretschmann, der mit einem Stadion und vielen Zuschauern rechnet. Doch in Ludwigshafen-Oppau finden sie nur einen windigen Sportplatz und wenige Zuschauer vor. Somit erleben nur vereinzelt Zuschauer mit, als die DDR-Spieler in ihrem ersten Länderspiel antreten.

Mit dem Zug in die Schweiz

Zeitgleich ist die männliche U18 beim Jugend-Nationenpokal in Rotkreuz (Schweiz) gefordert. Horst Tillner ist, gemeinsam mit Torsten Martin, für die Mannschaft verantwortlich. Mit 40 Spielern haben sie im Kaderkreis im April begonnen, das endgültige Aufgebot auf nun acht Spieler reduziert. „In die Schweiz sind wir mit der Eisenbahn gefahren“, erinnert sich Tillner. Von Görlitz gibt es einen durchgehenden Zug über Erfurt und Frankfurt/Main nach Basel. „Unterwegs haben wir alle eingeladen und auf dem Rückweg wieder rausgeschmissen“, sagt der damalige U18-Coach. Die Begegnungen werden auf zwei Gewinnsätze ausgetragen. „Für die Jungs war das Umstellen auf das Satzspiel unheimlich schwierig“, sagt Horst Tillner. Sowohl gegen die Bundesrepublik (9:15, 7:15) als auch im Spiel um Platz drei gegen die Schweiz (14:16, 8:15) muss sich die DDR geschlagen geben. „Wenn ein Schiedsrichter bei der Angabe einen Übertrittfehler abgepfiffen hat, dann haben wir sofort den Spielfaden verloren“, erzählt er. Und: Während die Konkurrenz im Nationaltrikot seit Jahren mit zwei Angreifern agiert, ist diese Aufgabenteilung in der DDR kaum bekannt. „Dass jetzt einer die Angabe und der andere den Rückschlag macht, war ungewohnt und brachte die Spieler durcheinander“, so der U18-Trainer. „Wir waren nicht die Profis oder Meister, wir waren dort einfach zum Lernen.“

Gruppenfoto: die U23-Junioren der DDR und BRD beim Nationenpokal in Oppau (Foto: Archiv/Harald Muckenfuß)

Zurück in Ludwigshafen: Österreich ist der erste Gegner für die DDR-Auswahl. Und gleich zu Beginn zeigt das Team von Trainer Wolfgang Appel was in ihm steckt. „Die Österreicher haben uns einfach unterschätzt“, sagt Andreas Kretschmann. Dazu wächst DDR-Angreifer Eno Bohm über sich hinaus. „Eno hat schon immer außergewöhnliche Dinge vollbracht“, meint sein Mitspieler. „Er hat dort sein bestes Spiel an diesem Wochenende gemacht und die Österreicher mit seinen langen Bällen überrascht.“ Mit 31:23 feiert die DDR einen deutlichen Erfolg gegen die Alpenrepublik. „Die Stimmung war natürlich prächtig, wir dachten da geht was in den nächsten Spielen“, erinnert sich Kretschmann. Doch gegen die BRD  – bei der unter anderem der heutige Nationaltrainer Olaf Neuenfeld im Aufgebot steht – läuft bei den DDR-Faustballern nichts zusammen (14:32). Zum Abschluss geht es gegen die Schweiz. Der dritte Platz, eine Medaille ist noch möglich. Doch die beiden Spiele haben Kraft gekostet. Nach einer ausgeglichenen Partie ziehen die Eidgenossen in den letzten Minuten davon, mit 23:28 müssen sich Kretschmann und Co. geschlagen geben und verpassen damit den Sprung auf das Podest.

Auch Harald Muckenfuß, damaliger U23-Juniorentrainer der BRD, kann sich noch gut an den Nationenpokal mit der DDR erinnern. „Es war irgendwie eine komische Situation“, sagt er. „Sie waren etwas zurückhaltend und schüchtern. Sonst haben wir ausschließlich gegen Österreich und die Schweiz gespielt. Nun hatten wir plötzlich ein viertes Team dabei.“ Den Sieg der DDR gegen Österreich erlebte Muckenfuß dann „als große Überraschung“. „Sie haben teilweise vier, fünf Punkte in Folge gemacht“, erinnert sich der damalige BRD-Coach. Er musste sich mit seinem Team dagegen im Duell mit Rot-Weiß-Rot geschlagen geben. „Ich glaube wir sind zu überheblich in das Spiel gegangen“, vermutet Muckenfuß. Mit 23:27 lag die BRD zurück, kämpfte sich kurz vor Abpfiff aber noch einmal heran. „Dann hat Österreich ausgewechselt. Der erste Spieler, als der auf dem Platz war der zweite. Damit haben sie die entscheidende Zeit von der Uhr genommen“, so Muckenfuß. „Am Ende konnten wir der DDR für den Sieg gegen Österreich dankbar sein. Denn so haben wir den Titel gewonnen.“

 

Freunde fürs Leben

Immerhin: Der BRD verhelfen sie mit ihrem Erfolg gegen Österreich zum Titelgewinn. „Wir hatten nur so knapp unsere internationale Medaille verpasst. Es war unheimlich ärgerlich“, sagt Andreas Kretschmann. „Und wir hatten im nächsten Jahr auch keine Chance, es noch einmal zu versuchen.“ Für ihn und seine Mitspieler ist die Reise aber der Beginn einer jahrelangen Freundschaft. „Wir sind Freunde fürs Leben geworden.“ Mit einigen Spielern geht er noch heute gemeinsam für den SSV Heidenau auf Deutschen Seniorenmeisterschaften auf Titeljagd. Und 2018 tritt er mit der „fast identischen Truppe von damals“ bei den Senioren-Klubweltmeisterschaften in Österreich an. Kretschmann: „Hier konnten wir das mit der internationalen Medaille dann nachholen.“

Noch heute am Ball: Viele der DDR-U23-Junioren sind heute noch gemeinsam aktiv – auch bei der Senioren-WM 2018 in Österreich.

Apropos Österreich: Auf die Alpenrepublik wird die gesamte Faustball-Welt nur wenige Tage nach den Nationen-Pokalen blicken. Schließlich findet hier vom 19. bis 23. September die siebte Faustball-Weltmeisterschaft der Männer statt. Es soll die bis dahin größte WM aller Zeiten werden. Auch die DDR wird mit ihrem Team antreten. Doch dazu mehr in Teil 4!

Die DDR-Auswahlteams

Frauen (2 Länderspiele in Linz/AUT)
Susann Müller, Dagmar Stammann, Beate Wedel (alle Lok Schwerin), Silke Streichert, Marina Grunert (beide TSG Oberschönweide), Diana Hoffmeister, Carola Dimter (beide Rotation Berlin), Katri Prengel (Einheit Steremat Berlin); Trainer: Walter Wiedemann, Horst Stammann

U23-Junioren (4. Platz Nationenpokal in Ludwigshafen/BRD)
Eno Bohm, Andreas Kretschmann (beide Lok „Erich Steinfurth“ Berlin), Alf Ickrath Andreas Beer (beide Chemie Zeitz), Dirk Hocher (BLK BW Gersdorf), Torsten Cebulla, Bernhard Otte (beide Traktor Tornitz-W.), Uwe Jänichen (SG Heidenau); Trainer: Wolfgang Appel, Michael Kowalski

männliche U18 (4. Platz Nationenpokal in Rotkreuz/SUI)
Knut Schmidtchen, Enrico Günther (beide Aktivist Freienhufen), Sven Ulbricht, Mario Grosse (Motor Nordhausen), Ralf Wagelöhner (Fortschritt Glauchau), Axel Gerhardt (Stahl Eisleben), Mario Lohr (Traktor Bachfeld), Jan Kusche (HSG TU Dresden); Trainer: Horst Tillner, Torsten Martin

weibliche U18 (2 Länderspiele in Salzburg/AUT)
Hendrikje Homuth, Nadine Peiser (Lok Schwerin), Manuela Beitlich, Andreas Pietsch (beide Empor Dresden-Mitte), Diana Lange, Kerstin Reich, Susann Koitschka (alle Lok Schleife), Diana Schulze (Chemie Zeitz); Trainer: Jens Schulze, Ralf Pietsch

DDR-Serie auf faustball-liga.de: 30 Jahre nach der Wiedervereinigung blick die Deutsche Faustball-Liga in einer Serie auf die Wendezeit zurück. Die einzelnen Folgen erscheinen in losen Abständen.
In Teil 1 berichtet Dagmar Spille von einer Reise ins Ungewisse im Jahr 1988 nach Brettorf.
Im 2. Teil verrät Horst Tillner, wie im Verband die Weichen für die Nachwendezeit gestellt wurden.

Text: Sönke Spille
Interviews mit: Horst Tillner & Andreas Kretschmann
Mit Material aus: „Der Faustball“, Faustball-Information, Festschrift 25 Jahre Sachsenfaustball, „Faustball Sport“

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